Rede unseres 1. Vorsitzenden zum 50 jährigen Jubiläum

am 29.09.2006

 

Sehr geehrte Ehrengäste, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Naturfreunde!!!

 

Am 01. Oktober 1966 feierte unser Verein sein 10 jähriges Bestehen. Der damalige 1. Vorsitzende und Mitgründer unseres Vereins Herr Jakob Völpel begann seinen Vortrag mit nachfolgender Frage:

 

„Hatte unser Tun, das der Allgemeinheit dient auch Erfolg?“

 

Liebe Naturfreunde, mit dieser Rede vor 40 Jahren wurde beschworen, etwas Bleibendes, nicht in Geld Ausdrückbares zu tun. An dieser Tradition will ich anknüpfen und klarstellen, dass wir Naturschützer uns weder in die Ecke von staatsfeindlichen Ökolisten noch unter die Missmacher einreihen lassen, sondern dass wir das schier aussichtslose Unterfangen, seit Jahrzehnten aus den roten Zahlen des Naturverbrauchs herauskommen zu wollen, nur mit Galgenhumor meistern können.

 

Wir Naturschützer haben weder eine bessere Moral als unsere Mitbürger, noch sind wir weniger in die verhängnisvollen Zugzwänge unseres Zivilisationssystems verstrickt. Wir sind uns aber bewusst, dass wir heute an viele Grenzen stoßen. Darum bitten wir jeden, der Verantwortung für unsere Zukunft trägt, mit uns über diese Grenzen zu reden, über die Grenzen der Machbarkeit, der Verantwortlichkeit und des Kompromisses. Immer deutlicher verdichten sich die Zeichen einer unabwendbaren Katastrophe. Angesichts dieser Krisensituation stellen sich gegenwärtig viele Naturfreunde die berechtigte Frage nach dem Sinn ihres Tuns.

 

Wer dabei den Menschen als „Maß aller Dinge“ begreift, also auch die Natur einzig „für den Menschen“ betrachtet, der könnte sein naturschützerisches Tun getrost als hoffnungslos beenden. Wer aber menschliches Leben als das solidarische Leben unter Millionen Mitgeschöpfen empfindet, der wird sich als Anwalt seiner Mitgeschöpfe fühlen. Denn unsere Bergwiesen und unser Grubengelände mit ihrer vielfältigen Vogelwelt, sie alle haben dasselbe schutzbedürftige Recht zum Überleben wie die „Krone der Schöpfung“.

Jedes einzelne Lebewesen ist es wert, gerettet zu werden.

 

Diesen moralischen Weg der Umweltpolitik, wie ich ihn einmal bezeichnen darf, muss sich am Lebensweg unserer Kinder und Enkel und nicht nur am eigenen Wohlstand orientieren.

 

Es wird Zeit, dass die Tugend der Barmherzlichkeit sich nicht im Anbeten vom Menschen Gemachten erschöpft, sondern dass wir die Ehrfurcht auch scheinbar unbedeutenden Mitgeschöpfen entgegenbringen und es muss die Bedeutung alles Lebendigem auf unserer Erde in unser Bewusstsein zurückkehren.

 

Das mag für viele bei einem Hund, einer Katze oder einem Kanarienvogel noch möglich sein, bei einer Kreuzotter, bei einem Borkenkäfer oder gar bei einem unsichtbaren Wurm der Mutter Erde wird es schon problematischer. Gar das Lebensrecht einiger Bäume, einer Schlüsselblume oder Heckenrose zu beschwören - setzt man sich hier nicht eher der Lächerlichkeit, als dem Mitgefühl aus??

 

Wo bleibt unser Mitgefühl, wenn wir unseren Mitgeschöpfen in jedem Jahr 600 Millionen m² Lebensraum „bebauend“ vernichten??

Wenn wir allein in Deutschland jährlich 400 Millionen Haustiere heranmästen, um sie in einem überzogenen Eiweißverbrauch zu verprassen.

Haben wir nicht einen großen Anteil am Degradieren der Schöpfung, der Natur zu Ware.

Haben wir nicht leichfertig unsere Kreatürlichkeit verleugnet, uns zum Maß der Dinge erhoben und damit die Ursünde der Naturzerstörung angelegt??

Sind wir nicht der Versuchung erlegen, „Ersatzschöpfer“ sein zu wollen??

Haben wir nicht die Schicksalsgemeinschaft durch den Herrschaftsanspruch verraten??

 

Jetzt meine sehr verehrten Damen und Herren, stehen wir vor einer großen Entscheidung, weltweit den Frieden unter den Menschen zu erhalten, was aber einen Friedensvertrag mit der Natur voraussetzt.

Gleichzeitig wird immer offenkundiger, wie eng die soziale Frage mit dem Niedergang des Lebens auf unserer Erde verbunden ist.

Nicht die Menschheit, sondern immer nur einige profitieren am Ausverkauf der Schöpfung!!

Immer aber bleiben- die Dritte Welt ist dafür der lebende Beweis- die Ärmsten auf der Strecke.

 

Wozu so viele Emotionen, werden einige von Ihnen fragen??

Aber müssen wir nicht Angst vor denen haben, die über Wälder ohne Leidenschaft sprechen, denen Bäume „Holz“ und Waldboden „Landreserven“ bedeuten, die keiner Blume ausweichen, vor keinem Vogellied und keinem Schmetterling innehalten.

Sie fühlen sich als Ersatzschöpfer und glauben an das Allmachbare ihrer morbiden Technik an das immer –Größer- Schneller- Schöner- Mehr- Weiter an Wachstum ohne Sinn und Ende.

 

-         Wir nennen uns Christen und plündern uns die anvertraute Erde;

-         Wir nennen uns Christen und stehlen unsren Kindern die Zukunft

-         Wir nennen uns Christen, erheben uns aber selbst zum Maß der Dinge und Reden die Schöpfung zu Tode

-         Wir sind reich an Millionen von Autos aber werden immer ärmer an todgeweihten Vögeln

-         Wir sind reich an 50.000 MW Atomstrom, aber arm an lebenswichtigem Quellwasser, von dem nur noch 3% uneingeschränkt genießbar ist

-         Wir sind reich an Panzern und Kampfflugzeugen, aber arm an Kindern und Kindermärchen

-         Wir haben den Mond erobert und wir stehen hilflos vor sterbenden Wäldern

 

Aber wie kommen wir zu einer Vernetzung von Frieden, Ökologie und Schöpfungsethik als Ausweg der derzeitigen Weltkrise??

 

Dazu die Antwort eines Kirchenmannes, Kardinal Josef Höffner:

„ Wir sind verpflichtet, den Grundbestand der Schöpfung in seinem ganzen Reichtum zu wahren. Dabei geht es nicht bloß um das Belassen von Einzelexemplaren, also um etwas wie die Arche Noah, in welcher der Mensch einen Rest von Schöpfung gegen eine von ihm selbst veranstaltete Sintflut schützt. Nein, die pflanzlichen und tierischen Arten brauchen Lebensraum, indem sie sich entfalten.

Das Lebendige soll leben können, nicht nur um der Nützlichkeit für den Menschen Willen, sondern um der Fülle, um der Schönheit der Schöpfung Willen, einfach um zu leben und dazusein.

Es wäre maßloser Hochmut, wenn der Mensch in der Schöpfung nicht anderes als ein Rohstofflager zur Befriedigung seiner Bedürfnisse sehen würde.“

 

Solche von höchster Verantwortung geprägte Aussage können Wegweiser sein; weil sie zur Vernetzung von Natur- und Geisteswissenschaft hinführen.

So ist letztlich Naturschutz keine Wissenschaft, sondern eine Denkweise.

Dies bedeutet auch, dass wir an Grenzen des Kompromissdenkens und der Verantwortungslosigkeit gestoßen sind.

Ich möchte dies an folgenden Beispielen verdeutlichen:

 

Es gibt weder ein „bisschen Schwangerschaft“ noch ein „bisschen Tod“, sondern es gibt Naturgesetzte, die nicht mit Kompromiss und scheinbarer Toleranz oder mit politischen Mehrheiten unbestraft überschritten werden dürfen.

 

Gestatten sie mir neben der verlogenen Kompromisspolitik noch einen weitern Punkt anzusprechen:

 

Man möchte uns vorrechnen, was Natur wert ist.

„Die Natur muss messbar gemacht werden“ heißt es und schon wird die Dorflinde gegen eine asphaltierte Strasse aufgerechnet und das Abwasser gegen die Bachforelle. Solchen Rechenkünstlern möchte ich die Frage stellen, für wie viel Geld sie ihre Frau und Kinder verkaufen würden und was der Gesang der Nachtigall in unsrem Grubengebiet und das Plätschern unsrer klaren Quelle wert sind.

Ich bin mir sicher, die uralten Werte müssen wieder vollwertig dem Messbaren entgegengestellt werden. Angst, Liebe, Hoffnung, sind sie weniger Wert, als der Strompreis nur weil sie nicht in Geld auszudrücken sind??

 

Ebenso unehrlich sind jene, die noch immer die „Belastbarkeitsgrenzen“ des Naturhaushaltes erforschen wollen, was unnötig ist, da die Belastbarkeitsgrenzen längst überschritten sind. Die roten Listen für bedrohte Arten sind letztlich der treffende Beweis.

 

Wer beim Frühlingserwachen der Erdkröten ohne Erregung über sie hinwegrasen kann, wer das Ausbleiben der Grasmücken nicht mehr wahrnimmt, wer den Gesang der Schwarzamsel als störend empfindet, ist krank geworden, befallen von Seelenkrebs und Kältetod. Gerade der Verlust der Leidfähigkeit eröffnet allen Kriegen Tor und Tür.

 

Was aber sollen wir unsren Kindern und Enkeln und allen jenen jungen Menschen sagen, die vor dem Trümmerhaufen der Schöpfung stehen??

Arbeitslosigkeit, Armut Energieknappheit, Migration, Überalterung, Umweltverbrauch - alles hängt mit allem zusammen.

 

Mahatma Gandhi sagte schon vor über 70 Jahren:

 

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse aber nicht genug für jedermanns Gier.“

 

Wir bewältigen unsere Probleme nur, wenn wir unser aller Lebensraum nicht immer weiter ausschlachten, wenn wir uns alle selbst und einander helfen. Wenn die Reichen durch Verzicht, zu Auskommen und relativen Wohlstand der Armen beitragen. Gier und Egoismus sind die größte Gefahr für unsere Welt. Vernunft, Bescheidenheit, Hoffung und Liebe unsere größte Chance.

 

Helfen Sie nun alle mit, verehrte Ehrengäste, Mitglieder und Freunde unseres Vereins, dass wir in unsrem Ort unsere Aufgaben erfüllen können und das unser Tun erfolgreich sein wird, das sind wir unseren Gründungsvätern und unseren Kindern und Enkeln schuldig!!

 

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit

 

Konrad Stiefenhöfer

(1.Vorsitzender)

 

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